Startseite
Text des Monats
Aktuelles
Biographie
Werkverzeichnis
Lieferbare Bücher
Links
Kontakt
Datenschutzerklärung
Impressum
   
 


    Moritat vom Stadtstreicher Rackebrand
                         
Nicht weit, in der Petrosilienstraße,

da wohnte der Stadtstreicher Rackebrand.

Er trug einen Schnurrbart unter der Nase

und ein Weib, tätowiert auf der linken Hand.

Meist saß er zu Hause und feierte krank,

das war sein wunder Punkt.

Aber wenn er dann noch Schnaps dazu trank,

dann hat es bei ihm gefunkt.  


Im Kaiserbazar von Julius Kümpfe,

da kaufte er kurz vor Ladenschluss

für eine Mark zwanzig zwei schwarze Strümpfe

und eine Pistole mit sieben Schuss.

Das Schießding ist zwar für Kinder bestimmt,

doch war der Kauf nicht dumm,

denn wenn der Rackebrand was unternimmt,

dann weiß er auch warum.


Er wusste: in der Barmherzigkeitsgasse,

da haben sie grad Moneten gezählt,

dreitausend Mark in der Kirchenkasse,

und so was hat ihm schon lange gefehlt.

Er nahm das Fahrrad und stellt´s an die Wand

bei Bäckermeister Hopf.

Dann zieht er den Strumpf mit geschickter Hand

sich über den dicken Kopf.


Er eilte empor die dreizehn Stufen,

und gleich darauf der Rentamtmann Spieß

hörte mit grässlicher Stimme rufen:

„Rasch das Geld her! Oder ich schieß!“

Er sagte nicht Ja, er sagte nicht Nein,

er murmelte nur dumpf

und packte dem Räuber die Geldscheine ein

in seinen zweiten Strumpf.  


Dann ist der Kerl mit dem Fahrrad verschwunden

und zog den Strumpf von seinem Gesicht.

Die Polizei, die suchte zehn Stunden,

doch Rackebrand, nee, den fanden sie nicht.

Zu seinem Glück fing es an zu schnein

und hat drei Tage geschneit.

Die Leute, die kauften Geschenke ein,

es war um die Weihnachtszeit.  


Und in dem Kaufhaus von Adalbert Paasche

erschien am Tag darauf Rackebrand

und kaufte in der dritten Etage

ein golden durchwirktes Engelsgewand.

Dazu zwei Flügel aus weichem Flaum,

die Platte mit „Stille Nacht“

und Kerzen und einen Tannenbaum -

dabei hat er manchmal gelacht.  


Und Heiligabend, so konnte man lesen,

hat in den Baracken ein Engel geweilt,

er ist bei den armen Schluckern gewesen

und hat Zwanzigmarkscheine ausgeteilt.

Dann sah man ihn noch bei der Bahnhofsmission

und vor dem Herbergstor:

Zur Mette riefen die Glocken schon,

vom Turm herab sang der Chor.  


Und Rackebrand, als der Richter ihn fragte,

was er bei dem allen sich vorgestellt,

zwinkerte eine Weile und sagte:

„Mit Verlaub, Herr Gerichtsrat: Brot für die Welt.“

Er wurde verurteilt zu zweieinhalb Jahr,

doch das tat ihm keinesfalls Leid.

Laut sang er, als schon längst Sommer war

„O du fröhliche Weihnachtszeit".
    

(c) Rudolf Otto Wiemer Erben, Hildesheim